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Donnerstag, 17. November 2011

Kathmandu ist cool

Wir waren in: Kathmandu
Wir sind in: Kuala Lumpur
Wir vermissen: ein verkehrstüchtiges Flugzeug, aber nur 24 Stunden lang
Die meisen Touristen finden Pokhara cooler. Wir finden Kathmandu cooler.
Weil sich hier das Publikum bei den Livekonzerten aus Europäern und Nepalis zusammensetzt. Weil die rockigen Cover der Livebands und auch die Cover der indischen, thailändischen und kontinentalen Küche (Körnlibrot!!) echt gut daher kommen. Weil wir hier gleich zweimal die besten Büffel-Mo:Mos der Welt essen. Weil fast jedes geschossene Foto ein kniffliges 1000er-Puzzle hergeben würde. Und wegen der Schilder, hier unsere Lieblinge aus ganz Nepal: die Restaurants YAK DONALDS und TIT-BITS, das Hotel HILL-TON und die vielversprechende Promotion BUY ONE, GET ONE (sowas bringt mich auch beruflich weiter).
 


Aber wir mögen Kathmandu auch, weil wir ausgelesene Bücher in der nächstbesten Buchhandlung verkaufen können. Weil die Altstadt gespickt ist mit geschichtsträchtigen Häusern, Tempeln und Gebetsmühlen. Weil die buddhistischen Stupas noch mit Leben gefüllt sind. Weil der dichteste Verkehr ohne in seinem gemächlichen Tempo auch ohne Huporatorien auskommt. Und weil auch jeder einzelne Einwohner der Millionenstadt das "Toghether for Tourism"-Motto imprägniert zu haben scheint. 

Prinz und Prinzessin von Tourismo geniessen. Dem tut auch die zusätzliche Gratisnacht im Hotel Rajastan - das für meinen Geschmack den indischen Gepflogenheiten etwas zu stark nachempfunden ist - aufgrund des annulierten Fluges keinen Abbruch.

Freitag, 11. November 2011

3+

Wir sind in: Pokhara 
Wir gehen nach: Kathmandu
Wir vermissen: Pierre's Sonnenbrille

In Pokhara sind wir am richtigen Ort, um uns bei passend schlechtem Herbstwetter auszukurieren. Schöne Bergsicht und Organic Coffe gibt es erst drei Tage später wieder. Was die Läden betrifft: Nie wäre es mir leichter gefallen, Weihnachtsgeschenke zu finden. 
 


Weil wir in Nepal noch etwas Zeit, aber nicht gerade Lust auf 209 Buskilometer nach Kathmandu (6 bis 8 Stunden) haben, beschliessen wir den Weg mit einem zweitägigen River Rafting "abzukürzen".

Der Fluss schlängelt sich türkisgrün durch urwaldige Hügel. Die Zivilisation beschränkt sich auf vereinzelnte Lehmhüttchen, eine Sumpfstrasse, die sich noch im Bau befindet, und einige Hängebrücken. Unser Zeltplatz, auf einem unübertrefflich schönen Sandtstrand, der zum Baden lädt, wird von Kerzchen, einem Lagerfeuer und dem fastvollen Mond beleuchtet. Am zweiten Tag wird es endlich wildwasseriger. Die Schwelle mit dem Schwierigkeitsgrad 3+ bringt unser Boot ins Schleudern und bekommt auf der Spassskala eine 9+. Schade nur, dass wir gleich darauf schon wieder in einen Zwergenbus steigen, um die verbleibenden 100 km nach Kathmandu zurückzulegen. Leider finden wir auch dieses Mal den Knopf nicht, um die Massagefunktion der Zwergensitze auszuschalten. In Nepal müsste man echt mal einen Schweizer Tunnelbauer vorbeischicken...

Montag, 7. November 2011

You can see view

Wir sind in: Pokhara
Wir gehen nach: Annapurna Concervation Area
Wir vermissen: Wärme


Es gibt für einen Mann durchaus schlimmeres, als in Pokhara shoppen zu gehen. Pierre hat jedenfalls acht Stunden durchgehalten. In dieser Zeit haben wir uns mit Handschuhen, Schlafsäcken, Trekkinghosen, Wandersocken, Windjacken, Kopftüchern, 3 Rollen WC-Papier, Kraftriegeln und (wie wir später herausfinden) gefälschter Toblerone eingedeckt.

Am Tag darauf brechen wir früh auf, um Behi Sahar gegen Mittag zu erreichen. Von da aus gehen wir zu Fuss, während die meisten anderen einen weiteren Bus bis Bhulebhule nehmen. Unser Entscheid erweist sich als nicht ganz falsch, als wir die Deutschen vom ersten Bus in Bhulebuhle wieder treffen. Wir schauen alle auf die Uhr. Und immerhin sind die Deutschen in der Zeit voraus. Ganz offensichtlich haben wir in einer vollen Woche Nepal nie bemerkt, dass unsere Uhren eine Viertelstunde nachgehen. Immerhin haben wir alle Busse erwischt, obwohl sich die Nepali mit einer eigenen Zeitzone von den Indern zu unterscheiden versuchen (was ihnen aber auch so ganz gut gelingt).



Dass die Zeit relativ ist, darauf verwiest auch das erste Schild auf unserem Wanderweg: MANANG. Wir schauen auf der Karte nach. Unserer Schätzung zufolge werden wir Manang schon in sechs bis sieben Wandertagen erreichen.

Die erste Nacht verbringen wir im wunderschön gelegenen Ngadi Bazaar. Anlässlich von Diwali, Nepals Fest der Familie, wurde am Dorfeingang für die Kinder eine Schauckel gebaut. Die Kinder begrüssen uns mit "Namaste Tschigilit" (Grüezi Schokolade) oder "Namaste Skupeen" (Grüezi Schulstift). An den drei Tagen darauf wandern wir jeweils während sechs Stunden durch Reisfelder, Urwälder, vorbei an Bauerndörfchen und Wasserfällen mit bis zu 200 Meter Gefäll.

Die vierte Nacht verbringen wir in einem verlassenen Ort, der wegen 2000 Meter Felswand zu beiden Seiten nur wenige Sonnenstunden sieht. Wir befinden uns selbst bereits auf 2800 M.ü.M. und der Wind pfeifft durch die Ritzen unseres Häuschens. Brrr. Die Dusche (ein Kessel heisses Wasser in einem Holzhäuschen am Wegrand) und die gemütliche Runde im geheizten Eszimmer machen den Abend aber angenehm: Wir lernen Eric kennen, einen 25-jährigen Profikletterer, der in Tibet gerade einen 8000er bestiegen hat (und es nicht noch einmal tun würde). Sandra und Wolfgang aus Österreich sind wie wir "arbeitslos" und noch bis nach Weihnachten unterwegs.


Am fünften Tag ändert sich die Landschaft dramatisch. Auf 3000 M.ü.M. spaziert man noch durch Nadelbaumwälder, sieht aber schon die ersten von Gletschern bearbeiteten Felsmauern. Ein Hotel in Upper Pisang wirbt mit "YOU CAN SEE VIEW" (du kannst Aussicht sehen). Gemeint ist, glaube ich, die umwerfende Aussicht auf den zweithöchten Gipfel der Annapurnakette, Annapurna II.



Die allerbeste Aussicht haben wir aber in Ngawal, auf 3765 M.ü.M. Die ganzen anderen Wanderer essen hier nur zu mittag. Viele von ihnen kennen wir schon von einer der früheren Nächte. Dank dem Tipp von Pierres Vater sind wir aber die einzigen, die auch den Sonnenuntergang von Ngawal geniessen: Wir machen unsere Wäsche, gemeinsam mit den Nepalis, am eiskalten Fluss mit Blick auf Annapurna II, III und IV.


In Manang erleiden wir fast einen Kulturschock. Nebst Internet, Cappuccinos und Yak Steaks, gibt es hier sogar ein Kino! Abends zieht draussen in der eisigen Kälte eine Band von Haus zu Haus und spielt grässliche Lieder. Die sollen lieber wieder die Kinder Diwali-Lieder singen lassen.

Die Gratisvorlesung eines Arztes über AMS (akute Höhenkrankheit) ist aufschlussreich und wir lassen sogar unseren Sauerstoff und den Puls messen. Beruhigt bin ich trotzdem nicht und der arme Pierre muss mein Gehibbel noch 4 Tage aushalten... Inzwischen aklimatisieren wir uns an einem Berg nahe von Manang. Weil wir keine Lust haben, den gleichen Weg zurückzugehen, suchen wir uns ein Rehweglein durch den Wald direkt zum Gangapurnagletscher. Dort wird gepicknickt.


In Yak Karka ist das Essen formidabel. Wir spühren die Höhe (4050 M.ü.M.) inzwischen ganz schön stark und verbringen den Nachmittag im Schlafsack. Am nächsten Morgen komme ich dann kaum noch vom Fleck. Für ein paar Kilometer und 500 Höhenmeter brauchen wir fast 4 Stunden. Der Nachmittag und Abend in Thorung Phedi wird noch unbequemer, denn draussen sind es noch -7° und ein paar Schneeflöckchen versperren die Sicht. Immerhin haben wir literweise "Hot Lemon" und das letzte Doppelzimmer mit Lehmwänden und Holztüre bekommen... Dank Diamox schlafe ich so ganz gut, obwohl man da oben bei jedem Umdrehen im Schlafsack sofort ausser Atem gerät.


Nach Sonnenaufgang setzen wir Fuss vor Fuss auf den Berg vor uns, doch machen wir alle 10 Meter Pause. Pierre trägt nicht nur sein, sondern auch fast mein ganzes Gepäck. Die Landschaft ist dünig, karg und teilweise liegt Schnee - "e chauti Wüeschti", wie ein kleiner Bub auf dem Lötschenpass mal treffend bemerkte. Als wir gegen Mittag den 5416 Meter hohen Thorung Pass und damit den absoluten Höhepunkt unserer Reise erreichen, kann Pierre plötzlich nachvollziehen, warum die Fussballer weinen, wenn sie die Weltmeisterschaft gewinnen.


Weil Pierre schreckliche Kopfschmerzen hat und seine Lippen schon blau anlaufen, machen wir uns ganz schnell, mit einem frischen Liter "Hot Lemon" auf den Abstieg. 1600 Höhenmeter bergab, das geht deftig in die Beine. Immerhin fühlen wir uns in Mukthinat auf 3800 M.ü.M. wieder wie im Tal, was wir umgeben von 6000ern genau genommen auch sind. Der Pilgerort ist für Buddhisten und Hinduisten gleichermassen wichtig und deshalb mit tausend Fähnchen und Tempeln geschmückt. Dafür sehen wir schon nach 11 Tagen auch das erste Auto.


Bis Jomson gehen wir dann am Folgetag noch zu Fuss weiter. Heute sehen wir zum ersten Mal einen 8000er, den Daulaghiri. Ausgeschlafen steigen wir dann in einen Bus. Ja, einen stinknormalen Bus. Weil mir die Fahrt auf der Sumpfstrasse am ungeschützten Abgrund irgendwann zu bunt wird, steigen wir aus und laufen den Rest bis Tatopani. Laufen ist nicht untertrieben, wir profitieren noch vom Höhenturbo. Unsere Beinchen entspannen wir dann aber gerne in den heissen Quellen von Tatopani, zumal das Wetter zum ersten Mal nieslig ist.

Die Busfahrt von Tatopani über Beni bis Pokhara ist der blanke Horror. Liebe Eltern, bitte studiert jetzt nicht die Unfallstatistik von Nepal, denn wir sind ja gottseidank gesund angekommen. Oder zumindest nur mit einem Käferchen im Bauch.

Freitag, 4. November 2011

Wunderbar und Wunderbus


Der Individuelverkehr besteht hier aus zwei Füssen oder zwei Rädern, wobei beim Radfahren keiner und beim Töff nur der Lenker einen Helm trägt. Alle anderen Verkehrsteilnehmer sitzen in oder auf einem Bus, einem Traktor oder Lastwagen.

Die Busse sind sehr langsam unterwegs, was nicht nur an den von Erdrütschen überlagerten Strassen liegt, welche ohnehin schon über hundert Berge und über/durch tausend Flüsse führen. Hautsächlich liegt es an den Stops:
- ganz normale Stops, wenn jemand zu- oder aussteigen möchte,
- Pit Stops, wenn aus irgendeinem Häuschen ein Kanister Benzin hervorgezaubert oder Kühlwasser nachgefüllt wird,
- Piss Stops, wenn alle Businsassen hinter den nächsten Busch hechten, um sich zu entleeren und
- Lunch Stops, wenn das zweite bzw. das zweitletzte Dal Bath des Tages ansteht.

Dal Bath ist die eierlegende Wollmilchsau der nepalesischen Küche und ein echter Nepali isst es mindestens zweimal am Tag. Es besteht aus einem Teller Reis mit Linsensuppe, Kartoffeln, grünem Gemüse, Pickels und Chilischoten. Es ist in weniger als 2 Minuten servierfertig und damit optimales "Fast Food" und es gilt die "All You Can Eat"-Regel, d.h. man bekommt so oft und so viel man kann.

Die Busstops werden vom "Wingman" (auch Copilot oder Türsteher genannt) des Buschauffeurs geregelt. Klopf bedeutet Anhalten, klopfklopf bedeutet Weiterfahren. Der Wingman hängt meistens wie ein Flügelchen zur Bustür hinaus und dient dem Fahrer bei kritischen Stellen als Seitenspiegel (klopf / klopfklopf), er kassiert das Geld der Zugestiegenen, schmeisst Schwarzfahrer raus, packt das Gepäck aufs Dach und regelt bei Stau den Verkehr.

Der Fahrer ist also nur für Hupe, Blinker, Steuerrad und Pedale zuständig. Die Hupe wird grundsätzlich nur als Gruss oder als Warnung vor einem Überholmanöver eingesetzt (wer wissen möchte, wie so eine Hupe klingt: lege einfach deine Zunge zwischen die Lippen und bewege sie schnell von Mundwinkel zu Mundwinkel hin und her, dazu produzierst du auf- und absteigende Töne). Der Blinker hat auch eine andere Funktion als in Europa: Er zeigt nicht etwa die Richtung an, in die man fahren wird, sondern die Richtung, in der der Hintermann überholen soll. Rechts zu blinken, bedeutet also "überhole mich rechts". Nicht zu blinken, bedeutet "überhole NICHT".

Läuft ausnahmsweise keine Musik über die Lautsprecher, übernimmt dies das Handy eines Businsassen. Idealerweise so laut, dass auch der Schwerhörige in der letzten Reihe noch in den Genuss des quäkenden Singsangs kommt. Die beliebtesten Plätze im Bus sind aber jene ganz vorne im mit Sitzkissen ausgestatteten und bunten Zözzelchen dekorierten Führerkabinchen. Aber auch die Plätze auf dem Dach. Denn dank der natürlichen Belüftung wird man da wohl weniger schnell seekrank.

Gegen die Langeweile gönnt man sich eine kleine Packung Chips, die hier ehrlicherweise mit dem Label "Time Pass" (Zeitvertreib) gekennzeichnet sind. Es bietet sich aber auch an, eine billigere Packung Nudelsuppe zu zer- und danach trocken zu verdrücken, während draussen am Fenster verschiedene Klimazonen vorbeiziehen und wandelnde Heuballen überholt werden.

Die Heuballen werden meistens von Frauen gestämmt, die nicht grösser oder schwerer als ein zehnjähriges europäisches Mädchen sind. Hier ackern also nicht nur Kühe und Männer. Dafür chodern und spucken die Frauen auch wie die Bauarbeiter.

Egal wie lange eine Busfahrt dauert, egal wie schwer beladen man sich Meter für Meter seinem Ziel nähert, nie erkennt man ein Zeichen von Unmut in den Gesichtern der Leute. Zäh sind sie also, die Nepalis.
Aber nicht nur das: Nach den freundlichkeitsabstinenten Indern, scheint jeder einzelne Nepali ein kleiner Botschafter des Nepal Tourism Year 2011 zu sein. Die Herzlichkeit zeigt sich aber nicht nur gegenüber Touristen. Als Aussenstehender überkommt einen immer wieder das Gefühl, dass die sich alle schon seit Jahren kennen. Begrüssung, Berührung und Gespräch vermissen distanzierte eurpäische Höflichkeit, viel mehr scheinen sie freundschaftlicher Natur. So schön.